Digitales Lernen an der Ernst-Litfaß-Schule

Interview mit Felix Neumann, Abteilungskoordinator und Lehrer für Sozialkunde und Sport

Auch die ELSe hat der Lockdown im Frühjahr 2020 kalt getroffen. Nur wenige Tage zuvor schnellten die Corona-Fallzahlen in Deutschland rapide in die Höhe und da die Sorge um das neuartige Coronavirus an der ELSe immer größer wurde, verfasste das Kollegium einen Brandbrief an die Senatsverwaltung für Jugend, Bildung und Familien mit der Bitte, landesweit die Schulen zu schließen. So unerwartet schnell die Pandemie über Europa schwappte, wurde tatsächlich am  Freitag, den 13. März 2020, plötzlich verkündet, dass bundesweit die Schulen schließen müssten.

In Berlin wurde ein Stufenmodell vollzogen, die Oberstufenzentren schlossen als erstes. So hatten wir nach Verkündung der Schulschließungen ein Wochenende und den folgenden Montag, um die Beschulung unserer Schülerinnen und Schüler zu organisieren. Wie ist uns das gelungen und wie haben wir uns daraufhin auf einen möglichen weiteren Lockdown vorbereitet?

Lieber Felix, wie haben die Abteilungsleiter*innen die Bekanntgabe der Schulschließungen empfunden und was habt ihr unternommen, um so schnell wie möglich die Information in der Schule zu verbreiten? Schildere uns bitte die ersten Schritte, um das Kollegium und die Schüler*innen auf die Beschulung zu Hause vorzubereiten!
Das bahnte sich ja schon an und waberte bereits tagelang durch die Schule. Wobei man sagen muss, dass unser Kollegium und unsere Schulleitung schon Tage vorher in einem Brief an die Senatsverwaltung einen solchen Schritt gefordert hatten. Dann aber ging es schnell: Freitag kam die Info über die anstehende Schließung, woraufhin wir ein erstes „Krisentreffen“ einberiefen und dann per Ansage in den Lehrerzimmern, Klassen und dann über digitalen Kanäle erst einmal alle Beteiligten informierten. Schnell noch glichen wir die E-Mail-Adressen unserer Schülerinnen und Schüler ab und aktualisierten sie gegebenenfalls.

Ich erinnere mich aber auch an die nun sich entwickelnden Ängste, insbesondere unter den Schülerinnen und Schülern der Abschlussklassen: sie wussten nicht, was die Schulschließung für ihre Abschlussprüfungen bedeuten würde. So türmten sich dann auch die Fragen auf: Was passiert mit den geplanten Klausuren, Referaten, Projektarbeiten? Wie sollten die anstehenden Präsentationsprüfungen laufen? Wie geht der Unterricht weiter? Was bedeutet das für die Prüfungsklausuren?

Die nächsten drei Wochen bis zu den Osterferien blieben von Ungewissheit geprägt: Auch wenn wir uns in der Schulleitung täglich zu den nun anstehenden Schritten austauschten,  war man gleichzeitig ja auch privat durch den Lockdown verunsichert. Diese Unsicherheit machte auch jegliche Planungen schwierig: Niemand konnte wirklich sagen, wie es weitergehen würde. Vorgaben und Planungen der Verwaltung kamen wenig bzw. meistens sehr kurzfristig. Wir planten neu, planten um und durften dann wieder alles neu erstellen. In den Ferien waren wir fast täglich vor Ort, um Szenarien durchzuspielen und eine mögliche Öffnung nach den Ferien zu planen.

Tja, und die Begleitung unserer Schülerinnen und Schüler in dieser Phase lief – das müssen wir uns ehrlich so eingestehen – ruckelig. Unsere Schule arbeitet zwar schon seit Jahren mit dem Lernraum Berlin, doch dieser war dann im Frühjahr 2020 durch die vielen Anfragen technisch überlastet und leider keine verlässliche Quelle. Und eine weitere Hürde offenbarte sich in dieser Zeit: Zwar haben unsere Lehrkräfte schnell auf digitale Aufgaben umgestellt, allerdings merkten wir schnell, dass wir nicht alle Schüler*innen auf digitalen Wegen erreichen konnten. Die SuS haben unterschiedliche technische Ausstattungen zu Hause, teilweise nicht mal eigene Zimmer zum Lernen; Lehrkräfte wurden zwar kreativ in der Nutzung digitaler Tools, allerdings überforderte die Vielfalt gleichzeitig die SuS.

Das Schuljahr war beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 schon vorangeschritten, welche organisatorischen Schwierigkeiten ergaben sich aus einem durchgetakteten Jahresplan, der Realität des Lockdowns und einem nur allmählich anlaufenden Schulbetrieb?
Priorität hatten zunächst alle Klassen mit Abschlussprüfungen. Im Wesentlichen mussten wir ja die prüfungsrechtlichen Vorgaben einhalten. Da galt es Abläufe zu berücksichtigen und einen engen Zeitplan zu basteln. Wir waren sehr damit beschäftigt, den SuS die Ängste zu nehmen, sie wären durch den Unterrichtsausfall nicht optimal auf die Prüfungen vorbereitet. Unklar war dann auch, wann welche Schülergruppen zurückkommen sollten und wie wir dies unter den neuen Hygiene-Maßnahmen organisieren sollten. Im Prinzip mussten wir einen komplett neuen Stundenplan für alle Bildungsgänge entwerfen.

Wie gut konnten die teils sehr spontan verkündeten Forderungen des Berliner Senats für Bildung umgesetzt werden, als der Schulbetrieb Ende April 2020 wieder aufgenommen wurde?
Wir planten von Anfang an mit verschiedenen Szenarien, weshalb die kurzfristigen Änderungen für uns zwar eine Menge Arbeit bedeuteten, wir das aber meiner Meinung nach relativ gut organisiert bekommen haben. Ich erinnere mich aber an immer wiederkehrende Fragen zum Thema Leistungsbewertung in dieser Phase. Da gab es von der Verwaltung einfach keine bzw. teils widersprüchliche Aussagen. Wir einigten uns dann auf  für alle Seiten verlässliche Kriterien der Leistungsbewertung:  einerseits berücksichtigten wir die besondere Situation der Schülerinnen und Schüler in dieser Phase, andererseits forderten wir weiterhin Leistung ein, wir wollten keine Noten oder Abschlüsse verschenken.

Seit wann arbeitet die ELSe mit dem Lernraum? In welchen Bildungsgängen wird besonders mit dieser Lern-Plattform gearbeitet und in welchen Bildungsgängen gibt es noch Nachholbedarf?
Wir arbeiten mit dem Lernraum Berlin seit mehreren Jahren, insbesondere in der Dualen Ausbildung. Einige Fachbereiche und Lehrkräfte sind schon seit Langem sehr fortschrittlich in Sachen Lernfeldunterricht und digitaler Strukturen über den Lernraum organisiert, andere hatten einige Grundlagenkenntnisse, andere hingegen hatte auch noch nie damit gearbeitet. Durch den Lockdown waren nun auch diejenigen Fachbereiche und Bildungsgänge gefragt, die bisher wenig oder überhaupt nicht mit dem Lernraum in Berührung kamen.

Nicht alle unsere Schülerinnen und Schüler sind tatsächlich „digital natives“, auch wenn ihre Generation gern pauschal so bezeichnet wird. Wie werden Schülerinnen und Schüler an das digitale Arbeiten herangeführt? An das Abrufen und Downloaden von Unterrichtsmaterial beispielsweise, das Hochladen ihrer Arbeitsergebnisse auf den Lernraum oder auch einfach nur auf das Arbeiten mit PC-Programmen anstatt analog im Unterricht ihre Ergebnisse mit Stiften auf Papier zu bringen?
Wir haben uns für das neue Schuljahr 2020/21 und mögliche Lockdown-Szenarien neu organisiert: alle Klassen haben im Lernraum einen eigenen Klassenraum zur Kommunikation und jeweils Unterräume für jedes Fach. Der Lernraum wird seit Beginn des Schuljahres auch in den „normalen“ Präsenzunterricht einbezogen, mehr und mehr Lehrkräfte nutzen die vielen Funktionen. Vieles davon wird im Unterricht geübt, um dann auf eine eventuelle Lockdown-Situation besser vorbereitet zu sein. Allen SuS ist vermittelt worden, dass Unterricht auch dann über den Lernraum weitergeht. Natürlich stoßen wir hierbei auch auf weitere Probleme: bestimmte Fächer benötigen (kostenpflichtige) Programme, die die SuS zu Hause nicht haben; nicht alle SuS haben ausreichende technische Ressourcen. Aber auch dafür bieten wir Hilfe an: SuS können sich Laptops in der Schule leihen. Letztlich müssen wir das Lernen unter diesen Bedingugnen neu denken und weitere Erfahrungen sammeln.  

Was passiert, wenn die Schüler*innen keine Ausstattung zum digitalen Lernen oder auch keine Räumlichkeiten für ein konzentriertes Arbeiten zu Hause haben? Gibt es dafür Lösungen, schließlich sollten alle Schüler*innen die gleichen Voraussetzungen für eine Beschulung zu Hause haben.
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Aufgaben zu bearbeiten, analoge Ergebnisse können z.B. auch mit dem Handy fotografiert und hochgeladen werden. Aufgabenformate müssen so gestellt werden, dass alle diese bearbeiten können. SuS können sich Laptops in der Schule ausleihen und können zu bestimmten Zeiten auch unsere PC-Räume nutzen. Ich sehe darin eigentlich nicht das Problem. Herausfordernder finde ich eher die personalen Ressourcen der Schülerinnen und Schüler: Home-Schooling ist für viele neu, viele Schüler*innen stoßen dabei schneller an eigene Grenzen – schließlich müssen sie sich unabhängig von der schulischen Lern- und Arbeitsatmosphäre selbst strukturieren und zur Arbeit motivieren.

Wenn wir der pandemiebedingten Schulschließung auch etwas Positives abringen wollen: Wie hat der Lockdown die ELSe vorangebracht?
Wir binden digitales Lernen auch in den Präsenzunterricht ein, da gibt es viele tolle Dinge, von denen man vorher entweder nichts wusste oder aber im Schulalltag auch keine Zeit hatte.   Engagierte Lehrkräfte können somit einen viel spannenderen, abwechslungsreichen und modernen Unterricht anbieten, bei dem die Schüler*innen ganz nebenbei digitale Fertigkeiten erwerben, ohne dies explizit zum eigentlichen Unterrichtsgegenstand zu machen. 

Eine Sache wurde aber ganz klar: als wir die Klassen teilen und somit in Kleingruppen unterrichten mussten, ging endlich das, was allgemein gefordert wird: man konnte viel genauer auf die individuellen Bedingungen der SuS eingehen, sie fördern und unterstützen. Bei den gängigen Klassengrößen ist das bei der Heterogenität der heutigen Schülerschaft kaum möglich.

Welchen Fokus hat die Zukunftsplanung der ELSe hinsichtlich der Digitalisierung unseres Schulbetriebs?
Wichtig ist auch die Erkenntnis: Digitalisierung bietet viele Chancen, kann aber nie eine Lehrkraft vor Ort ersetzen. Persönlicher Kontakt und das Lernen vor Ort sollten immer Priorität haben.

 

Das Interview führte Nelly Dinter, Redaktionsmitglied unseres Teams Öffentlichkeitsarbeit.

Ernst-Litfaß-Schule

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Montag bis Freitag von 7:30–16:00 Uhr
(Während des Lockdowns von 9:00–14:00 Uhr)
Cornelia Marten, Birgit Trippler, Nadine Kring
Raum 1.1.15 (1. OG, über der Cafeteria)

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